Urban Mining: Städte als Ressourcen einer nachhaltigen Zukunft

Urban Mining – Ressourcen neu gedacht. Wie eine Stadt als Rohstoffmine betrachtet werden kann und warum Urban Mining eine zukünftig nachhaltige Rohstoffgewinnung gewährleistet, erklärt unser Experte Alexander Marschall.

Die Stadt als Rohstofflager

Die geologischen Ressourcen an Rohstoffen sind begrenzt. Im Gegensatz zu regenerativen Rohstoffen sind ihre Vorkommen endlich. Der Abbau und die Aufbereitung von Primärrohstoffen sind mit hohen ökologischen, ökonomischen und sozialen Kosten verbunden. Allerdings sind enorme Mengen dieser Rohstoffe in Produktkreisläufen gebunden. Sie befinden sich in Produktion, in Gebrauch oder in der Entsorgung. Mit dem Vorkommen und der Nutzung dieser Sekundärrohstoffe beschäftigt sich der Ansatz des Urban Mining. Während die Abfallwirtschaft die akut anfallenden Abfallstoffe und ihre Behandlung in den Fokus nimmt, umfasst das Modell der urbanen Rohstofflagerstätten auch die Sekundärrohstoffe, die sich in langfristigen Nutzungszyklen befinden oder bereits in Deponien gelagert werden.

Allein in Deutschland werden im Jahr ca. 1,3 Milliarden Tonnen Materialien im Wirtschaftsprozess eingesetzt. Ein Großteil dieser Materialien kann bei der Anwendung entsprechender Recyclingstrategien als Sekundärrohstofflager nutzbar gemacht werden. In einem Zeitalter knapper Ressourcen und eines äußeren Zwangs zu nachhaltigem Wirtschaften, sind diese anthropogenen Lager von entscheidender Bedeutung, um auch weiterhin unseren Bedarf an Rohstoffen zu decken. Um die Größenordnungen einschätzen zu können: Für den Rohstoff Kupfer z.B. gehen Experten allein in Deutschland von ca. 490 Millionen Tonnen in urbanen Lagerstätten aus.

Potentiale von Urban Mining

Die derzeitige Rohstoffstrategie ist einseitig auf die Verarbeitung und Verwendung von Primärrohstoffen ausgelegt. Nur wenige Stoffgruppen werden einer Wiederverwertung zugeführt. Beispiele bestehender Stoffkreisläufe sind hier in erster Linie Eisen und Stahl, Papier, Glas und ein geringer Prozentsatz der Kunststoffabfälle. Aber auch hier findet die Nutzung der Sekundärrohstoffe nicht im Rahmen einer gesamtgesellschaftlichen Strategie statt, sondern unkoordiniert mit erheblichen Verlustmengen. Die reale Ressourceneffizienz ist deutlich zu niedrig. Abfallentsorgung bedeutet heute zu einem erheblichen Teil Müllverbrennung.  Bei der Müllverbrennung entsteht zwar aus den Abfallstoffen Energie, aber die vorhandenen Sekundärrohstoffe sind bei dieser Abfallbehandlung für immer dem Stoffkreislauf entzogen. Müllverbrennung ist eine Form der Rohstoffverschwendung, die zusätzlich noch erhebliche Mengen an CO2 freisetzt und somit die Klimaproblematik noch verschärft.

Der Umstieg auf eine nachhaltige Wirtschaft erfordert von den Herstellern den Einsatz von rohstoff- und energiesparenden Produktionsprozessen bzw. den Umstieg auf recyclebare Grundstoffe und eine neue Dimension der Ressourceneffizienz. Von den Nutzern im Alltag ist ein bewusster Umgang mit Produkten gefordert. Die Stichworte Abfallvermeidung, langfristige Nutzung und die konsequente Rückführung in Rohstoffrecycling sind hier zu nennen.

Urban Mining - Stadt als RessourceHandlungsrahmen und Strategien von Urban Mining

Anthropogene Lager können bei einer systematischen Bewirtschaftung den Abbau von Primärrohstoffen ersetzen. Dies gilt sowohl für den lokalen, wie auch für den globalen Rohstoffbedarf. Für ein Land wie Deutschland ist es von enormer Wichtigkeit seine Abhängigkeit von Rohstoffimporten zu reduzieren und weiterhin Zugriff auf sensible Rohstoffe, wie z.B. seltene Erden und Sondermetalle zu behalten, die für die Entwicklung einer CO2-neutralen Ökonomie entscheidend sind.

Urban Mining umfasst zwei Arten von urbanen Lagerstätten, die sich in der zeitlichen Dimension unterscheiden: Einerseits kurzlebige Konsum- und Produktionsgüter, andererseits langfristige. Auch die in der Infrastruktur oder in Deponien gelagerten Sekundärrohstoffe, gehören in diese Kategorie der langfristigen Lagerstätten. Während für die kurzfristigen Lager bereits erste Ansätze einer Recyclingwirtschaft entwickelt wurden, fehlt eine koordinierte Strategie für die langfristigen Lager fast vollständig. Auf diesem Gebiet fehlen bereits die Grundkenntnisse über den zeitlichen Ablauf der Wertschöpfungsprozesse. Hier gibt es auch die größte Herausforderung für die Recyclingwirtschaft, die in diesen Bereichen ein hoch effizientes und sensitives System für ein sinnvolles Rohstoffrecycling entwickeln muss.

Urban Mining 4.0

Das Hauptproblem einer erfolgreichen Nutzung urbaner Lagerstätten liegt im Wissensdefizit. Anthropogene Lager müssen identifiziert und ausgewertet werden. Um dies zu gewährleisten, müssen standardisierte Bewertungsschemata entwickelt werden. Bestehende Lager sind dabei ebenso zu erfassen, wie Produktionsabläufe und Nutzungsprozesse. Dies kann nur gelingen, wenn Hersteller, Nutzer, Abfall- und Recyclingwirtschaft in die Analyse einbezogen werden. Das Ziel ist eine möglichst lückenlose und umfassende Kenntnis aller relevanten Prozesse. Für die Nutzung der Sekundärrohstoffe ist ein exaktes Wissen über die Produkt- und Wertstoffketten notwendig. Auf dieser Basis kann eine koordinierte gesamtgesellschaftliche Strategie einer Kreislaufwirtschaft entwickelt werden.

Die Nutzung urbaner Lagerstätten ersetzt das blose Reagieren auf bereits entstandenen Entsorgungsbedarf durch ein Agieren und eine Lenkung und Gestaltung der Stoffströme. Zur Verarbeitung dieses umfangreichen Wissens werden intelligente Softwareoptionen schon beim Abfallerzeuger, wie die Lösung eNATURE-Abfallmanagement von Axians eWaste benötigt, die in der Lage sind, die anfallenden riesigen Datenmengen auszuwerten und Entscheidungshilfen für die Entwicklung besserer Strategien bereitzustellen. Alle Akteure im Wertschöpfungsprozess müssen in diese Bemühungen einbezogen werden und diese auch aktiv mittragen.

Fazit

Alles was wir in Zukunft an Rohstoffen benötigen, ist zum größten Teil schon im Wertschöpfungsprozess vorhanden. Wir müssen es nur identifizieren und mit Hilfe systematischer Nutzungsstrategien in ein Gesamtkonzept einer Kreislaufwirtschaft zugänglich machen. Dazu ist die Mitwirkung aller Akteure Voraussetzung.

In diesem Video wurde das Thema Urban Mining in einem schönen Beitrag von sieben Minuten dargestellt:

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